Anerkennungsstelle für Saat- und Pflanzgut
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Pflanzkartoffelvermehrung in ökologisch wirtschaftenden Betrieben stabil und mit deutlich weniger Problemen als im Vorjahr

Der ökologische Landbau soll in Niedersachsen bis 2025 auf 10 % und bis 2030 auf 15 % der Fläche ausgeweitet werden, so fordert es die Politik. Vor diesem Hintergrund und weil alle Öko-Betriebe ab dem 01.01.2022 die neue EU-Öko-Verordnung anwenden müssen, ursprünglich sollte dies bereits ab dem 01.01.2021 der Fall sein, wird in der Pflanzgutbranche eine gewisse Zunahme auch in der Vermehrung erwartet.

Bild 1: Belana, mit gelber Schalenfarbe und ovaler Knollenform: meist vermehrte Sorte konventionell und ökologisch.
Bild 1: Belana, mit gelber Schalenfarbe und ovaler Knollenform: meist vermehrte Sorte konventionell und ökologisch.Eric Preuß
Wie sieht es derzeit in Niedersachsen aus?

Insgesamt wurden 2021 rund 319 ha Vermehrungsfläche Pflanzkartoffeln in ökologisch wirtschaftenden Betrieben angemeldet. Das sind zwar nur etwa 4 % bezogen auf die Gesamtvermehrungsfläche an Pflanzkartoffeln in Niedersachsen (2021: 7.910 ha), aber das entspricht in etwa jeweils den Gesamtvermehrungsflächen in den Bundesländern Thüringen, Hessen und Baden-Württemberg bzw. mehr als doppelt so viel wie in Nordrhein-Westfalen an Pflanzkartoffeln überhaupt vermehrt wurden.       

 

 

Bild 2: Für die Sortenansprache im Feld ist u. a. bei der Sorte Agria die geringe bis mittlere Anthocyanfärbung des Stängels von Bedeutung.
Bild 2: Für die Sortenansprache im Feld ist u. a. bei der Sorte Agria die geringe bis mittlere Anthocyanfärbung des Stängels von Bedeutung.Eric Preuß
     

Vermehrt werden fast ausschließlich Speisesorten aus allen Reifegruppen, wobei der Schwerpunkt im mittelfrühren Bereich liegt. Besonders beliebte Sorten für den Öko-Anbau sind, wie die Tabelle zeigt, Sorten wie Belana (Bild 1), Bellinda, Agria (Bild 2), Otolia, Anuschka (Bild 3), Princess, Glorietta (Bild 4), Jule, Ditta (Bild 5) und Almonda.

Bild 3: Kennzeichnend für Anuschka ist ein mittel bis großer Blütenstand.
Bild 3: Kennzeichnend für Anuschka ist ein mittel bis großer Blütenstand.Eric Preuß

 

 

 

Diese zehn Sorten erreichen Vermehrungsflächen von jeweils rund 14 ha aufwärts. Insgesamt wurden in Niedersachsen 252 Sorten (ohne Stämme) vermehrt. 41 Sorten bestanden erfolgreich die Feldbesichtigung in ökologisch wirtschaftenden Betrieben. Alleine die eben genannten zehn Sorten haben einen Anteil an der Gesamtvermehrungsfläche von knapp 65 %. Beispiele für phänotypische Unterschiede für die Sortenansprache werden in den Bildern gezeigt.

 

Bild 4: Bei Glorietta ist neben der Blütenfarbe die mittlere Anthozyanfarbe des Blütenstängels kennzeichnend.
Bild 4: Bei Glorietta ist neben der Blütenfarbe die mittlere Anthozyanfarbe des Blütenstängels kennzeichnend.Willi Thiel
     

 

 

 

 

 

 

 

 

Wie lief es in der Virusprüfung?

Bild 5: Typisch für Ditta ist ein vergleichsweise hoher Anteil an verwachsenen Endblattfiedern.
Bild 5: Typisch für Ditta ist ein vergleichsweise hoher Anteil an verwachsenen Endblattfiedern.Eric Preuß
Wie die Tabelle zeigt, haben insgesamt 41 Sorten mit rund 314 ha erfolgreich die mindestens zweimalige Feldbesichtigung absolviert. Davon haben bis Anfang Dezember 2021 rund 12 ha (= 4,0 %, Vorjahr 17,6 %) die Virusprüfung nicht geschafft, im konventionellen Bereich haben von diesen 41 Sorten rund 76 ha (= 2,9 %, Vorjahr 5,6 %) über den gesetzlich festgelegten Grenzwerten, die für beide Anbaurichtungen identisch sind, gelegen. Im Vergleich zum Vorjahr gab es also insgesamt deutlich weniger Virusprobleme. Hinsichtlich der Ursachen verweisen wir auf die Ausführungen in dem Artikel „Virussituation in Pflanzkartoffeln 2021 in Niedersachsen moderat“

 

Übereinstimmend kann aber festgestellt werden, dass in beiden Anbaurichtungen ein mangelhaftes oder zumindest nur mäßiges Resistenzkostüm der Sorten im Hinblick auf die Virusanfälligkeit, insbesondere hinsichtlich PVY aber auch PLRV mitentscheidend ist, ob die Vermehrungsvorhaben erfolgreich abgeschlossen werden konnten oder nicht.

 

Bild 6: Links und rechts gesunde Linda-Pflanze, mittig viruskranke Linda-Pflanze.
Bild 6: Links und rechts gesunde Linda-Pflanze, mittig viruskranke Linda-Pflanze.Willi Thiel

 

Fazit

Die Vermehrung von Pflanzkartoffeln in ökologisch wirtschaftenden Betrieben in Niedersachsen und Deutschland hat leicht zugenommen. Alleine in Niedersachsen standen in 2021 mehr als 300 ha in Vermehrung. Unter Berücksichtigung dessen, dass der Anbau von Biokartoffeln in Deutschland nach AMI-Angaben für 2020 mit 11.350 ha (EU: 36.500 ha) beziffert wird, ist dies schon eine bemerkungswerte Größenordnung. Vor dem Hintergrund der notwendigen Umsetzung der EU-Ökoverordnung in den Betrieben zum 01.01.2022 wird die Bedeutung der ökologischen Pflanzkartoffelvermehrung stetig zunehmen.

Bild 7: Schwere Viruserkrankungen wie hier mit schwersten Blattrollsymptomen führen zu erheblichen Ertragsminderungen
Bild 7: Schwere Viruserkrankungen wie hier mit schwersten Blattrollsymptomen führen zu erheblichen ErtragsminderungenWilli Thiel
Insbesondere in schwierigen Jahren wie 2018 bis 2020 mit z. B. problematischem Virusvektoraufkommen, reichlich Infektionsquellen zumindest in den beiden letzten Jahren, erschwerten Bekämpfungsbedingungen insbesondere im konventionellen Bereich, kommt der Sortenwahl für eine erfolgreiche Pflanzkartoffelvermehrung eine entscheidende Bedeutung zu. Manche Sorten sind aufgrund ihrer hohen Virusanfälligkeit, exemplarisch sei hier Linda (Bild 6) genannt, kaum gewinnbringend zu vermehren. Da die herrschenden Bedingungen im Anbaujahr nicht oder nur in einzelnen Punkten vorhersehbar sind (z. B. Virusvorbelastung des Ausgangsmaterials), sollte dem durch die Sortenwahl oder wenn nicht anders möglich zumindest durch die Standortwahl (Lage) soweit wie möglich Rechnung getragen werden (Bild 7).

Kontakte

Dipl.-Ing. agr.
Dr. sc. agr. Matthias Benke

Leiter Anerkennungsstelle für Saat- und Pflanzgut

 0511 3665-4370

  matthias.benke~lwk-niedersachsen.de


Eric Preuß

Anerkennung von Saat- und Pflanzgut

 0511 3665-4353

  eric.preuss~lwk-niedersachsen.de


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